Anchor link to top of page

Herzstunde

, ,

Die Begegnung macht’s – das ist auf den Punkt gebracht das Geheimnis der Faszination, die Yaloms Bücher ausüben. Die Begegnung, die er in seinen Therapien (er)schafft und – entgegen klassischen, veralteten? Lehrmeinungen zulässt. Auch mit uns Lesenden stellt er schnell eine Beziehung her, bezieht uns ein in sein Assoziieren, Denken, Fühlen, Wahrnehmen. Er begegnet den Patienten und Klientinnen, den Menschen, die seinen Rat suchen, durch anteilnehmendes Fragen, durch sich selbst einbringen, von sich etwas zeigen. So entstehen ebenbürtige Gespräche. Der Austausch wird hilfreich.
In diesem mit seinem jüngsten Sohn geschriebenen Buch berichtet er von der Zeit nach dem Tod seiner Frau Marilyn, mit der er mehr als 65 Jahre verheiratet war. Er spricht ehrlich und offen über seinen Schmerz, über den Verlust.
Ebenso offen erzählt er, wie er seinen Gedächtnisverlust beobachtet. Mit dem Verstand den Verstand beobachten – Yalom kann dies so anschaulich in Worte kleiden, das sich dieses Phänomen fast miterleben lässt.
Yalom schildert einen ganz normalen Tag im Leben eines sehr alten Therapeuten. Wir spüren seine Identifikation mit und seine Freude an seinem Beruf. Nehmen wahr, wie einiges mit dem Alter mühsamer wird, mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Aufgrund des nachlassenden Gedächtnisses entschliesst sich Yalom nur noch einmalige Therapiestunden anzubieten. In der Coronazeit laufen diese Sitzungen über den Äther. Die Anrufe kommen aus aller Welt, häufig von Menschen, die gleichfalls in therapeutischen Berufen arbeiten. In einer Stunde möchte er in der fragenden, Rat suchenden Person zumindest einen Impuls zur Änderung, zur Heilung setzen – es gelingt ihm meist. Oft kommt der Durchbruch durch einen Rollentausch: er fordert die Klientin, den Klienten auf, ihm Fragen zu stellen. Er werde sie beantworten. Durch das Preisgeben persönlicher Eigenschaften, auch persönlicher Schwächen, kann das Gegenüber sich gleichfalls öffnen. Ein faszinierender Prozess: Begegnung!
Das Lesen des Buchs berührt persönliche Themen und vertieft Mitgefühl und Akzeptanz – anderen wie auch sich selbst gegenüber.

Irvin D. Yalom mit Benjamin Yalom: Die Stunde des Herzens – Sich begegnen im Hier und Jetzt, aus dem Amerikanischen von Sylvia Becker, btb, Penguin Random House München 2025, 347 Seiten