Auf dem Weg

Auf ein solches Buch habe ich lange gewartet: denn hier schreibt ein buddhistischer Mönch, der seine Privilegien ablegte und somit erfuhr, wie es Menschen ohne die Insignien der Religion ergeht. All die buddhistischen Weisheitsbücher sind schön und gut, doch oft fragte ich mich, hat dieser Mensch ein normales Leben geführt? Jemals Fahrpläne studiert, die besten Verbindungen herausgesucht eine Fahrkarte erworben, sich einen Platz in einem vollen Zug gesucht? Hat diese Person jemals ihre eigene Buchhaltung gemacht, Einkäufe erledigt, die Wohnung geputzt?
Yongey Mingyur Rinpoche verliess im Juni 2011 des Nachts das Kloster in Indien, dem er als Abt vorstand. Er wollte die Welt ohne die Annehmlichkeiten seines bisherigen Lebens kennen lernen und erfahren, ob seine Meditationserfahrungen ihn tragen würden. Schon das Zurechtkommen auf einem Bahnhof zeigt ihm, was er alles nicht weiss. Er erkennt, was ihn alles abstösst, nimmt immer wieder Zuflucht zu seiner Lehre. Erinnert sich seiner Lehrer, darunter sein Vater, seiner Traditionslinie. Und trägt noch immer seine Mönchsrobe. Es dauert, bis er bereit ist, diese abzulegen und sich in den dünnen Dhoti eines indischen Wanderyogi zu hüllen. Solange sein Geld reicht, kann er sich Übernachtungen in Gasthäusern leisten. Als es zu Ende geht, muss er betteln. Er sitzt in einem Park, meditiert, schläft im Freien, lebt von dem, was er bekommt – eher Abfälle als wohlschmeckende Speisen.
Sein Magen rebelliert, seine Därme halten nichts mehr, sein Körper verfällt, er meditiert weiter.  Als er im Krankenhaus aufwacht, erkennt er, wer ihn rettete: ein Mann, der ihn im Park immer wieder um Rat zur Meditation gefragt hatte.
Von da an wanderte der Autor als Yogi durch Indien. 2015 kehrt er in sein Kloster zurück.
Sein Unterrichten ist geprägt durch seine Erfahrungen. Sein Lehren schöpft aus der Tiefe der durchwanderten Täler – innerlich wie äusserlich. Damit vermittelt er Kraft und Ansporn.

Yongey Mingyur Rinpoche mit Helen Tworkov: Auf dem Weg – Eine Reise zum wahren Sinn des Lebens, aus dem Amerikanischen von Liselotte Prugger, btb Random House München 2019