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Mütterliche Erinnerungen

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Erinnern, sich erinnern, bewahren, was war und im Bewahren ins ist hineinholen, es wieder lebendig werden lassen.
Dieses Buch über die Mutter der Autorin, Ann aus England, beschreibt, was ist, was geschieht nach dem Schlaganfall der Mutter, was unbedingt behalten werden möchte, was das Lebendige lebendig erhält.
Julia Deck, Tochter einer britischen Mutter und eines französischen Vaters, sammelt die Erinnerungen ihrer Mutter, fügt sie zu ihren eigenen, lässt ein Bild entstehen, gemalt aus Worten, die das Verhältnis von Mutter und Tochter sichtbar machen.
Bis zu ihrem 22. Lebensjahr wohnen Mutter und Tochter zusammen, tauschen sich auf englisch und französisch aus, begeistern sich gegenseitig für Literatur und Malerei. Beide schreiben und übersetzen, befassen sich mit Sprachen und Ausdruck.
Wer war die Mutter, bevor sie Mutter wurde? Wie war sie? Wo kommt sie her? Wie prägte sie die Herkunft?
Schreibend erkundet Julia Deck ihre Mutter, möchte sie nicht nur als Mutter erkennen, sondern diese Frau kennenlernen, jenseits ihrer Rolle, behält aber gleichzeitig bei jedem ihrer Besuche die alte Ordnung bei: Mutter kocht, Tochter deckt den Tisch, wäscht ab, saugt Staub, räumt auf.
«Ich hatte mir fest vorgenommen, dass sie ihre soliden intellektuellen Fähigkeiten so lange wie möglich behalten sollte, vorzugsweise bis zum Ende.» wünscht sich die Tochter. «So ist es nicht gekommen. Heute bleibe ich mit dem Satz allein zurück». (S. 19)
Sie findet die Mutter mit seltsam verdrehten Gliedmassen im Bad, berührt sie, tastet ihren Körper ab, redet beruhigend mit ihr, ruft die Rettung. Der Schlaganfall der Mutter zerschlägt das bisherige freie Leben der Tochter. Ein neues Organisieren ist gefordert: von der Intensivstation zum Krankenzimmer, ein Pflegeheim muss gefunden werden.
Unser heutiger Umgang mit Bedürftigkeit holt die Autorin mit einem Schlag in die Wirklichkeit. Dieses Jetzt weckt Erinnerungen an früher. Die Autorin verschränkt das, was sie von Kindheit und Jugend ihrer Mutter während des 2. Weltkriegs in England weiss, mit dem was nun geschieht.
«Meine Mutter würde sich nie mit einem minderen Leben zufriedengeben…ich kenne sie so, wie sie mich gemacht hat, das heisst von innen heraus und mit dem Anteil an Dunkelheit, der uns manchmal unergründlich für uns selbst macht. Ich weiss, dass sie ihre Stärke aus ihrem wahnsinnigen Optimismus zieht, dieser positiven Seite der Verdrängung.» (S. 73) Dieser Optimismus scheint durch die Beschreibungen, erhellt, was sich an Schwierigkeiten auftürmt, lässt Lösungen aufleuchten.  Die Sätze folgen dem Licht, den Lichtern, dem Leuchten der Lebendigkeit der letzten Tage und Wochen. Tröstend, klar, klärend, Leichtigkeit im Schweren ermöglichend.
Dank der Übersetzung, die den Duktus der französischen Sprache erahnen lässt, erscheint Schweres leicht und Leichtes führt zu Tiefe.

Julia Deck: Die Wahrheit über Ann, Roman, aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Nagel und Kimche/HarperCollins Hamburg 2026, 255 Seiten