Nachlesen, nachdenken, nachfühlen

Zeit zum Lesen, zum wieder lesen.
Die Buchrücken im Regal betrachtend zog ich drei Bücher heraus, von denen ich annahm, dass sie in der jetzigen Zeit Gedankenfutter lieferten:
„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari bietet einen rasanten Ritt durch unsere Historie.
Ein keck geschriebenes, kluges Buch über unsere Menschheitsentwicklung, leicht zu lesen, zum weiteren nachdenken lockend. Der Historiker Harari beschreibt die Geschichte in grossen Zusammenhängen und Zusammenfassungen: Die kognitive Revolution lässt das „ziemlich unauffällige Tier“ vom Baum der Erkenntnis naschen und so kommen wir auf die Welt. Mit der landwirtschaftlichen Revolution sieht er die Ungerechtigkeit heraufziehen. Mythen und Märchen halten Gemeinschaften zusammen.
„Geschichte ist ein weiter Horizont von Möglichkeiten und viele dieser Möglichkeiten werden nie Wirklichkeit“, beschreibt Harari im Kapitel Vereinigung der Menschheit den Beginn der Globalisierung. Mit der wissenschaftlichen Revolution kommt der Kapitalismus. Wie soll es weitergehen? Harari fordert auf, die grösste Lücke in unserem Geschichtsverständnis zu schliessen: was bewirkt unser Handeln in Bezug auf Glück und Unglück des Menschen, der Menschheit? Was wollen wir wollen?
„Wie wollen wir leben?“ fragt der Philosoph Peter Bieri und lässt uns teilhaben an seinen Gedankengängen. An der Akademie Graz hatte er im Rahmen der Reihe „Unruhe bewahren“ Vorlesungen zu diesen drei Fragen gehalten: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Warum ist Selbsterkenntnis wichtig? Wie entsteht kulturelle Identität? Seine Antworten bewegen sich im Spannungsfeld von Unruhe und in seinem Wunsch nach Ruhe: „Ich möchte in einer Kultur der Stille leben, in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden.“
„Corpus Delicti – ein Prozess“ der dystopische Roman von Juli Zeh, entstand aus dem 2007 aufgeführten gleichnamigen Theaterstück. Mit der Geschichte eines Geschwisterpaares zeigt die Autorin und Juristin, was passieren kann, wenn Gesundheit das höchste Ziel einer Gesellschaft wird. Während der Bruder entgegen der herrschenden Meinung, die der Natur Dreck und Keime zuschreibt, in Wald und Feld, am Ufer eines Flusses sich einen Rückzugsort kreierte, glaubt die Schwester, dass der Staat nur das Beste für seine Bevölkerung will. Schliesslich habe man Seuchen und Krankheiten eliminiert. Alle Menschen sind mit ihren Daten gechipt und jederzeit lesbar. In den Häusern gibt es AufpasserInnen, die zusätzlich nach dem Rechten schauen. Interessant, dass die Mundflora eine wichtige Rolle spielt: „Gleich wird Kramer Mia küssen, wie es üblich ist in Filmen, in denen die Menschen noch nichts von der Verseuchung der Mundflora wissen.“ Juli Zeh, Richterin am Verfassungsgericht Brandenburg, wurde am 4. April von Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung zur aktuellen Situation interviewt.  Sie hätte sich einen Diskurs aller medizinischen Fachrichtungen gewünscht, um die Faktenlage zu klären, transparent zu machen und entsprechend handeln zu können. Frappierend findet sie, „dass eine multi-disziplinäre und für die Bürger verständliche Diskussion von Alternativen nicht stattgefunden hat“. Sie wundert sich, wie schnell wir uns von Angst treiben lassen, statt besonnen  zu agieren. Hoffnungsfroh Ziele für die Zukunft zu setzen, wäre Aufgabe von Gesellschaft, Politik und Medien, lautet ihr Credo.
Die Autorin und die beiden Autoren eint, dass sie mit ihren Werken aufrütteln wollen. Sie machen deutlich, dass es an uns liegt, wie die Geschichte weiter geht. Wie wollen wir leben? Was macht unsere Würde aus? Welches Glück streben wir an?
Nachdenklich stelle ich die Bücher wieder ins Regal und lasse mich von den Gedankengängen inspirieren – begleitet von Gefühlen.

Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Residenz-Verlag, St. Pölten/Salzburg 2011, 93 Seiten
Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, aus dem Englischen von Jürgen Neubauer, Pantheon/Random House München, 26. Auflage März 2015, 526 Seiten
Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess, btb/Random House München 24. Auflage September 2010, 264 Seiten