Holy Shit

Beinahe hätte ich dieses Buch nicht angegriffen – des reisserischen Titels
wegen, doch beim Anlesen wurde ich hinein gezogen. Neugierig machte mich der Untertitel, so las ich weiter und reiste – im Zug durch frühlingsfrische Landschaften fahrend – mit Edith Gloor durch ihre ein Jahr währende unglaubliche Heilungsgeschichte.
Die Autorin führt als gute Reiseleiterin – sie ist Autorin von Hörspielen, Theaterstücken und Filmdrehbüchern – gekonnt durch Zeit und Raum.
Die Zeit schreitet sie im Buch nicht chronologisch ab, sondern lässt uns episodenhaft den Weg ihrer Heilung begleiten. Erinnerungen an die Kindheit tauchen auf; Dichter und Schriftstellerinnen werden zitiert; Träume wollen neu gedeutet werden; Erfahrungen aus längst vergangenen Reisen helfen die unerklärliche Lähmung zu verstehen und alles nutzt Gloor, um sich Heilungswege zu erschliessen.
Ihre Zuversicht steckt an. Ihr freier Blick auf das, was gelingt, auf berührende Begegnungen, auf hilfreiche HeilerInnen unterstützt Genesung – auch wenn diese anfangs unwahrscheinlich erscheint: Fünf Prozent Heilungschancen hatten ihr die Mediziner eingeräumt.
Gloor besitzt die Fähigkeit, sich dem Betrieb des Allgemeinen Krankenhauses in Wien hinzugeben. Sie vertraut den Fähigkeiten und der Empathie des ärztlichen Personals, lässt sich helfen und weiss, wann sie selbst etwas tun kann und muss.
Ein klares Buch ohne Jammern. Und auch wenn ihr Wunsch wieder laufen zu können gross ist, verfällt sie nicht der Arroganz
Edith Gloor öffnet sich vorurteilsfrei der Schulmedizin und nutzt ebenso frei Erkenntnisse aus der Neurologie, wendet sich dem Visualisieren und der Sprache von Symbolen und Bildern zu. Und sie spürt, dass auch das Engagement der Pflegenden, die Liebe ihrer Familie und die Zuneigung ihrer FreundInnen sie auf ihrem Heilungsweg stärken.
So stärkt die Lektüre ihres Buchs auch den Mut des Lesers, der Leserin: Heilung ist möglich.
Der Titel hat seine Berechtigung: die Querschnittlähmung wurde anscheinend durch einen heftigen Stuhlgang ausgelöst.

Edith Gloor: Holy Shit – Meine Weltenreise von der Querschnittlähmung zum aufrechten Gang, Scorpio Verlag 2015, 253 Seiten