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Abschied leben

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„Abschied leben – Tagebuch eines Zeitgefühls“ lautet der Titel des neuen Buchs von Gabriele von Arnim. Da ich gerade so empfinde und fühle, mit einer Freundin über diesen Zustand sprach, schenkte sie mir das Buch der Autorin.
Ja, das stimmt: ständig sind Abschiede zu leben. Je älter man wird, umso bewusster werden sie erfahren. Nach den vorausgegangenen Büchern Gabriele von Arnims, dem «Leben als vorübergehendem Zustand» und dem «Trost der Schönheit» bin ich wieder in die schöne, reiche Sprache der Autorin eingetaucht und labe mich an wohltuenden Worten, fabelhaften Formulierungen, weiterführenden Verweisen auf Wortfamilien, Sprachherkünfte. Ein Genuss für Geist und Seele. Und obgleich es um Abschiede geht, also etwas zu verlassen ist, schwingt immer wieder Optimismus mit, wird Zuversicht genährt, Hoffnung aufgezeigt. Das macht froh.
Die Tagebucheinträge mäandern zwischen persönlichen Notizen, erzählen von verschiedenen Stimmungen und Erlebnissen, greifen aktuelle gesellschaftliche Ereignisse auf, wenden sich dem politischen Tagesgeschäft zu und zeigen immer wieder Perspektiven. «Wir sollten vielleicht seltener fragen: Deutschland, wovor fürchtest du dich, sondern öfter: Deutschland, worauf hast du Lust? Übrigens: Wir haben keine Demokratie. Wir sind die Demokratie.» (S. 101)
Es gelte die Demokratisierung des Alltags wiederzubeleben, schreibt sie an anderer Stelle. Sich einbringen, engagieren und sei es nur durch einen Anruf beim Grünflächenamt, um einen Baum zu retten.
Wenn von Arnim sich mit anderen vergleicht und dabei neidisch wird oder sich «lebensfeige» fühlt, merkt sie schnell, dass es nichts bringt, sich in anderen zu suchen. «Lieber sich finden im Ich.» (S. 199)
Ganz wichtig: fragen, nachfragen. «Wissenwollen ist ein Menschenrecht.» (S.202). Demokratie beginnt im Alltag.
Wunderschöne Bilder gelingen der Autorin im Beschreiben dessen, was sie beispielweise aus Zugfenstern schauend sieht: «Es gibt Momente, die ich wieder und wieder erleben möchte. Im Zug sitzen – wie kürzlich in Niedersachsen – und über weite Wiesen schauen, mit Knicks und Flüsschen, über die sich gewölbte Holzbrücken schwingen, mit ihren Tümpeln und Wasseraugen. …» (S.203)
Von Arnim verweist auf Viktor Frankl, den Psychiater, Begründer der Logotherapie, der Auschwitz überlebt hatte. Dieser mahne uns nicht zu fragen, was wir vom Leben erwarten, sondern zu schauen, was das Leben von uns erwartet. Tollkühn findet sie das und gar nicht leicht.
Nachdenkenswert empfindet sie die englische Formulierung «to grow old» also ins Alter hineinzuwachsen.  Schreiben hilft ihr, Bedrängungen zu überstehen, mit Abschieden umgehen zu lernen.
Am 23. September notiert die Autorin: «70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, 30 Prozent sind Landmasse. Auch wir Menschen bestehen zum grossen Teil aus Wasser, sind Wasserwesen.
Lungen: 78 Prozent, Blut: 79 Prozent, Gehirn: 76 Prozent, Glatte Muskeln: 75 Prozent, Knochen: 22,5 Prozent, Fettgewebe: 10 Prozent.
Bei Neugeborenen bestehen 70-80 Prozent des Körpergewichts aus Wasser, bei über 85-jährigen sind es nur noch 45-50 Prozent.
Noch ein Abschied: vom Wasserwesen zur Trockengestalt.» (S. 224/5)

Es ist diese wundersame Mischung aus Erleben, Erfahren, Gefühlen, Gedanken, Wissen, eben die Vielfalt unseres Seins, die so wohltuend auf mich als ganzes Wesen wirkt und mich in meiner Vielfalt bestärkt.
Ein einziges Mal stutzte ich und war nicht einverstanden. Auf Seite 21 schreibt von Arnim über Abschied als Weggehen und dass man allerdings dem letzten Abschied entgegen geht. Bis dahin, ja, klar. Sie kommt auf 1001 Nacht zu sprechen, wo der Abschied durchs Erzählen aufgehalten werden möchte. «Nach 1001 Nächten begnadigt der König Scheherazade, schenkt ihr ihr Leben.» Nein, das kann er nicht, das Leben ist nicht sein Geschenk. Wenn überhaupt, dann haben die Eltern uns unser Leben geschenkt. Ich halte es gern mit Albert Schweitzer, dem Pfarrer, Arzt, Organist, 1875 im Elsass geboren und 1965 in Lambarene, Gabun gestorben, der gesagt haben soll: «Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.»

Gabriele von Arnim: Abschied leben – Tagebuch eines Zeitgefühls, Rowohlt Verlag Hamburg 2026, 269 Seiten