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Alte Frauen

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«Alte Frauen» als Buchtitel erscheint zunächst nicht lockend. Doch griff ich gleichwohl zu diesem Buch, werde ich doch gern durch alte Menschen inspiriert.
Im Lauf der Lektüre merkte ich: es spielen weder das Alter noch das Geschlecht im Leben dieser Künstlerinnen eine grosse Rolle. Denn sie leben selbstverständlich ihre Kunst, auch wenn manche erst spät bekannt, berühmt wurden.
Verena Lueken, langjährige Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, porträtiert begeistert Schriftstellerinnen, Malerinnen, Filmemacherinnen in ihren jeweiligen Umgebungen. Dieses Lokalkolorit – häufig New York, London, Berlin – trägt mit zum besser kennenlernen der jeweiligen Künstlerin bei. Wie eine wohnt, wie sie sich einrichtet, was ihr wichtig ist, was sie trägt, zeigt ihren Stil, ihren Zugang zum Alltag.
Was allen Besuchten zu eigen scheint, ist ein starker Wille, eine klare Überzeugung, dass die eigene Kunst wichtig ist, dass sie getan werden muss. Oft gegen Widerstände, die entweder nicht beachtet oder zielstrebig beiseite geräumt werden. Die Arbeit ist nie getan, erklärt die Tänzerin Lucinda Childs. Für sie entwickelt sich choreographieren, einen Tanz entwerfen und gestalten aus einer ideellen Zusammenarbeit: angeregt durch andere künstlerische Sparten entsteht etwas Neues. Die Schriftstellerin und Textilkünstlerin Ulrike Edschmid will berichten, was ist: mit Worten, mit Stoffen. Bei der in Berlin beheimateten Filmemacherin Ulrike Ottinger spüre ich deutlich den Blick über Grenzen hinaus. Sie dokumentiert Alltagsleben in asiatischen Ländern. Isabella Ducrot in Rom webt und schreibt, Text und Textil sind nicht nur wortverwandt. Zwischen Hof und Maloja pendelt Gioconda Segantini, die auf eindrucksvolle Weise alt und neu verbindet: einerseits pflegt sie das Erbe ihrer künstlerischen Herkunftsfamilie in den Schweizer Bergen, andererseits engagierte sie sich in der deutschen Kommunalpolitik.
Fasziniert haben mich die biographischen Gespräche wegen der Lebensnähe. Ich erlebe nach, wie die Eine ihr Leben allein meistert, wie die Andere Familie und Kunst unter einen Hut bekommt. Schaffenskraft und Lebenslust der alten Frauen wirken ansteckend, ermunternd.

Verena Lueken: Alte Frauen, Ullstein Berlin 2025, 314 Seiten