Benoîte Groult: irisches Tagebuch

Ein Tagebuch zu lesen schenkt Teilhabe an einem anderen Leben. Hier das Leben der Schriftstellerin Benoîte Groult, die mit «Salz auf unserer Haut» einen Weltbestseller gelandet hatte, wie der Verlag auf den Umschlag des Buchs druckt. „Salz auf unserer Haut“ brachte 1989 Worte für die weibliche Sexualität in den Feminismus und wurde damals in meiner Münchner Wohngemeinschaft von den Männern bestaunt;   uns Frauen begeisterte es. In ihrem irischen Tagebuch, herausgegeben von ihrer Tochter Blandine de Caunes, erfährt man nun die Hintergründe der Liebe Benoîtes zu ihrem Mann, zu ihrem Liebhaber, zum Meer, zum Fischen, zur Literatur, zu Natur und Kultur. Penibel beschreibt Groult zudem das altwerden, und welchen Schmerz es bereiten kann, bei aller Leidenschaft für das Leben.

19. August 1992:
Reizende Antwort von Ségolène Royal auf den Brief, den ich ihr nach ihrem grossartigen Auftritt in der Sendung «7 sur 7» geschrieben habe, um sie zu beglückwünschen und mich über die Journalisten auszulassen, die vom MinstER reden, DER ein Kind gebären wird…
Im Briefkopf steht «Die Umweltministerin» in geschwungenen, verschnörkelten Lettern, sehr ungewöhnlich für ein amtliches oder behördliches Schreiben. Sie befürwortet also genau wie ich eine Feminisierung der Sprache, wenn (auch) Frauen gemeint sind. Sie werde oft mit der Formel «Guten Tag, Herr Minister» begrüsst und dann sei es den Grüssenden peinlich, dass sie, eine Frau, die überdies schwanger ist, mit «Herr» anzureden.  S. 289

  1. August 1993:
    Irland sträubt sich dermassen gegen schönes Wetter, dass es sogar einen Weg findet, dieses Wetter zu sabotieren, wenn es mal eintritt! In ganz Europa strahlt die Sonne, werden Rekordtemperaturen erreicht, hält das Hoch an. Hier steht das Barometer zwar seit drei Tagen auch hoch, aber wir stecken in dichtestem Nebel. Der gelegentlich zu penetrantem drizzle mutiert. S. 295
  1. August 1994
    …(Ich)…denke voller Wehmut an unsere Nachbarn, …die nun in dieser verwaisten Gegend zurückbleiben, die vor unseren Augen dahinsiecht. Die Lachszucht, die rund siebzig Leute ernährt, verschmutzt allmählich die Bucht. Seit zwei Jahren gibt es so gut wie keinen Hummer mehr. Die Seegraswiesen verschlammen. Das Wasser ist trüb. Und am Strand von Derrynane wird nicht nur gesurft, sondern auch Wasserski gefahren, hinzu kommen die Aussenborder im Geschwindigkeitsrausch. Dieses Jahr habe ich noch keinen einzigen Flamingo gesichtet. Mit Fortschritt dieser Art ist etwas faul. S. 308
  1. Oktober 2003
    Woher kommt die Gnade…Welcher List ist es zu verdanken, dass man die Schönheit dieser Welt, das Glück zu schreiben noch geniesst, dass man sich jeden Morgen beim Aufwachen freut? S. 397

Benoîte Groult: Vom Fischen und von der Liebe – mein irisches Tagebuch 1977-2003, aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky, Vorwort von Blandine de Caunes, Ullstein Verlag Berlin 2019, 397 Seiten