Familien

Zart und zäh, zierlich und zentriert das Erscheinungsbild der Autorin bei der Lesung – ähnliches vermittelt der Text. Menschen in ihrer Zartheit und Zärtlichkeit, denen das Leben Zähigkeit und Zuversicht abverlangt.
Christina Karrer, Afrika-Korrespondentin des Schweizer Fernsehens, holt ihre demente Mutter zu sich nach Johannesburg in Südafrika. Ihre Mutter, zu der sie als Kind und Heranwachsende wenig Kontakt hatte, kommt ihr dort – weit weg von der Schweizer Heimat – nah. Näher als je zuvor. Aus Abneigung wird Zuneigung. Entfremdung verschwindet in der Fremde, macht Platz für familiäre, freundliche, freundschaftliche Gefühle.
Die Erzählung der Tochter lässt das Leben in Südafrika in all seinen Schwierigkeiten und zugleich mit seiner Leichtigkeit aufscheinen. Karrer beschreibt das Leben, die Lebendigkeit ihrer dementen Mutter in der neu gefundenen Nähe mit staunendem Mitgefühl. Sind Herz und Hirn offen für ungewohnte Verhaltensweisen wird dieser Mut mit Liebe belohnt.

Christina Karrer: Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz – Geschichte einer Tochter, Orell Füssli, Zürich 2018, 230 Seiten

Eine gewöhnliche Familie – das kennen wir alle: in allen Familien dürften widersprüchliche Gefühle das Beisammensein prägen. Sehnsucht und Abwehr, Nähe und Distanz, Freude und Leid – alles erleben wir mit den uns Nächsten. Jenen, die uns von Anfang an kennen.
Sylvie Schenk beschreibt Geschwister und Cousins, Cousinen nach dem Tod des kinderlosen Paares Onkel Simon und Tante Tamara. Das Zusammenkommen zur Beerdigung, die Trauerfeier und die Gespräche beim Leichenschmaus. Schliesslich die Spekulationen und Debatten um das Erbe. Was ist gerecht? Alle fühlen Ungerechtigkeit. Wer hat mehr Anspruch? Und warum?
Sylvie Schenk, aus Frankreich stammend, in Deutschland lebend, nutzt die deutsche Sprache in knappen, klaren Sätzen. Sie deutet an und verdeutlicht genau damit Stimmungen, Verhaltensweisen, Zustände: «Philippe lebt, jede Parzelle seines Wesens ist in Bewegung…. weil Bosheit das Leben wurmt, lästert er nur das Nötigste…er krault sich den Ärger einfach im Swimmingpool weg…» (S. 36)
Die erzählende Protagonistin Celine, Übersetzerin von Beruf, hört ihren Verwandten so zu, als ob sie deren Worte zu übersetzen hätte, möchte auf diese Weise die hinter den Worten liegende Bedeutung, Geschichte erfassen. Wechselt dank dieser Distanz die Ebenen von Zeit und Raum, die sich grafisch im Layout des Buchs niederschlagen.
Und ich erinnere mich – weil dieses Buch mich zum schnellen Lesen zieht, an ein anderes Buch der Autorin: «Schnell, dein Leben»…

Sylvie Schenk. Eine gewöhnliche Familie, Roman, Hanser München 2018, 158 Seiten