Huch: Frühling

Ricarda Huch, 1864 Braunschweig – 1947 Kronberg/Taunus, studierte und arbeitete von 1887 bis 1896 in Zürich. Dort begann die promovierte Historikerin zu publizieren.
Ihre Jugenderinnerungen sind ein köstliches Zeitzeugnis. Bei ihrer Ankunft verblüfft sie und ihren mitgereisten Bruder – Frauen durften damals nicht allein unterwegs sein – bereits die Sprache. Sie verstehen kein Wort der Unterhaltungen im Hotel und Huch hält das ihr später so vertraut und heimelig werdende Zürideutsch zunächst für tartarisch oder kalmückisch. Schnell finden sie ein Zimmer, das ihr vor allem wegen der Wirtin zusagt. Was für ein Unikum diese ist, erfährt sie recht bald. Frau Wanner findet es unpraktisch, gebrauchtes Geschirr permanent abzuwaschen. Erst wenn kein sauberes Stück mehr im Schrank ist, wird alles, was bis dahin schmutzig in der Speisekammer gestapelt wurde, in einem Aufwasch gereinigt. Dazwischen haben sich lautstark die Mäuse an den Speiseresten gütlich getan. Später fragt Frau Wanner, ob sie die Geliebte eines rumänischen Studenten werden wolle. Als sie merkt, dass die junge Frau tatsächlich nur lernen und studieren will, fängt sie an, für Ricarda zu kochen, zündet ihr die Petroleumlampe an.  Im Spiel mit Frau Wanners kleinen Söhnen lernt Huch schnell die Zürcher Mundart.
Die Aufnahmeprüfungen fallen Ricarda dank ihrer Disziplin leicht. Sie erhält die besten Noten, was schon jahrelang nicht mehr vorgekommen sei. Sie besucht Vorlesungen zum Sozialismus, freundet sich mit anderen Studierenden an. Es scheint oft lustig und fröhlich zugegangen sein. Sie hält sich Feuersalamander, die aber bald eingehen. Eine Freundin hat Kaulquappen als Haustiere, eine andere Würmer. Bergtouren werden unternommen. Von einem Geschichtsprofessor schreibt sie: «Seine Haltung hatte …eine Würde, die ihrer selbst zu sicher ist, um nicht auch alles ander…gelten zu lassen.»
Schon früh weiss sie, dass sie Dichterin werden will, schreiben ihre Berufung ist: «Ich hatte damals Visionen meiner künftigen Dichtungen, die von dem in Deutschland herrschenden Geschmack ganz abwichen. Man ist wohl in der Jugend auf dem Gebiet sehr ausschliesslich, wo man selbst schöpferische Begabung fühlt, und man etwas bilden möchte, dessen Wesen einem unverrückbar feststeht, wenn man auch die Umrisse erst ahnt.»
Zunächst arbeitet sie als Lehrerin in verschiedenen Institutionen, später in Bibliotheken. Sie geniesst die Ausflugsmöglichkeiten mit FreundInnen, schätzt ihre Arbeitsmöglichkeiten, fühlt sich wohl. Sie wird zu eingesessenen Familien eingeladen, sie schildert anregende, angeregte Abende. Beinahe wäre sie Schweizerin geworden, ihr Gesuch wurde durch angesehene Zürcher Bürger unterstützt, scheiterte jedoch daran, dass ihre Nationalität nach dem Tod ihres Vaters nicht belegt werden konnte.
«In Zürich war ich in den Besitz meiner selbst gekommen, hier wurde mir zuerst das Bewusstsein der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Kräfte.»
Sie mag ihre Arbeit und empfindet gleichwohl, dass es sie an ihrem eigentlichen, dem Schreiben hindert. Als ein Schulangebot aus Bremen kommt, bei dem sie weniger Stunden lehren soll, ergreift sie die Chance – wehmütig. Sie will leben und erleben: «Ich verliess die schöne Stadt, die den Fremdling behütet hatte, die ich nie aufgehört hatte, zu lieben…Kämpfe, Mühen und Erschütterungen aller Art standen mir bevor, aber gewonnen hatte ich doch das stürmische Leben, das ich vermisst hatte, und zu dem das Schicksal mich drängte.»
«Frühling in der Schweiz» skizziert am Beispiel der Jugendjahre den Frühling des Lebens. In ihrem Sommer publiziert Huch erfolgreich Geschichtswerke, Lyrik, Erzählungen, Biographien, Dramen, Romane. Der Herbst ihres Lebens fällt in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie tritt aus der Akademie der Künste aus verbringt die zwölf Jahre in innerer Emigration. In ihrem Haus verkehren Menschen, die am missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren. In ihrem Lebenswinter wollte sie den Frauen und Männern des Widerstands ein Denkmal setzen, dieses Projekt blieb fragmentarisch.
Ricarda Huch gilt als wichtige Vertreterin des literarischen Jugendstils. Die ausgeklügelten Alltagsbeschreibungen in diesem Werk wecken Bilder an die Blumenornamente in der Baukunst. So lesen sich Huchs Erinnerungen leicht wie Blütenblätter.

Ricarda Huch: Frühling in der Schweiz – Jugenderinnerungen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Ute Kröger, Limmat Verlag Zürich 2022, 136 Seiten