leben, schreiben, atmen

Ja, ich fühle mich eingeladen und zwar voller Freude eingeladen. Doris Dörrie erzählt von sich und das ermuntert mich – dank ihrer am Schluss eines jeden Kapitels formulierten Fragen – auch das meine zu schreiben. Nicht unbedingt zum Veröffentlichen, sondern zum Klären, zum besseren Verständnis des eigenen Lebens.
Dank des Atems leben wir. Bewusstheit macht das Leben intensiver. Schreiben führt in die Tiefe. «Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen.» heisst es auf Seite 17. Doris Dörrie erzählt, ich lausche lesend und werde angeregt ähnlichen Ereignissen in meinem Leben nachzuspüren. In banalen Alltäglichkeiten eröffnen sich Welten: Frau B., die kaum noch laufen kann, findet trotz der Mühsal des Wegs in ihrem Einkaufen Abenteuer. Dörrie findet Einkaufszettel und phantasiert, was die Kombination Blumen, Pril, Erbsen und Q-Tips für einen Hintergrund haben könnte. So entstehen ihre eigenen Geschichten.  Zufällige Worte beschwören Erinnerungen.
Die Autorin beobachtet sich und andere, die nahe wie die ferne Umgebung, sie lotet die Vergangenheit aus, blickt in die Zukunft. Jedes Kapitel zeigt einen anderen Aspekt der Schreiberin, fördert eine andere Facette des Lebens zutage.Und warum mit der Hand schreiben? «Weil die Hand wir selbst sind. Ein Computer nicht. Eine Tastatur übersetzt unsere Gedanken, die Hand sind wir selbst, die direkte Verbindung von unserem Kopf in die Hand ist die Handschrift. Sie verändert sich, wenn man über etwas schreibt, was einen wirklich packt.» (S. 18)
S. 271: «Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag.»

Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen – Eine Einladung zum Schreiben, Diogenes Verlag Zürich 2019, 276 Seiten