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Nachtfrauen

Dass ich mich vom Umfang des Buchs nicht abschrecken liess lohnte sich! Der Titel, der türkisfarbene Umschlag mit dem Bild der Frau im Pepitamantel gekrönt von einem Tigerkopf umrandet von grünen Blättern samt Schmetterlingen und Papageienschnabelblüten hatten mich zugreifen lassen, als ich in der kleinen Buchhandlung „Lesezeichen“ in Burg im Spreewald die Regale durchstöberte und wie stets die ersten Seiten las. Diese machten mich neugierig und so gelangten die Nachtfrauen in mein Reisegepäck für die gut neunstündige Zugreise von Berlin nach Hause…noch in der letzten Nacht im Hotel las ich weiter und bevor ich wieder ins eigene Bett krabbelte, las ich die letzten Seiten. Geschafft.
Und erfreut. Mia Kankimäki lässt mich teilhaben an ihren Erlebnissen, die sie beim Nachreisen ihrer Heldinnen macht. Ich erfahre Neues über das Leben von Karen Blixen, der sie fast 200 Seiten widmet. Auf ihren Spuren reist sie nach Tansania, studiert ihre Briefe, fragt sich, wie Blixen es immer wieder gelang, die Folgen der Syphilis, die sie wohl von ihrem Ehemann eingefangen hatte, zu überwinden. Kankimäki schildert ihre eigenen Ängste in dem ostafrikanischen Land, stellt sich ihrer Furcht, startet zu einer Safari, um die Gefühle ihrer Nachtfrau besser zu verstehen.
Mit Wonne erstellt die Autorin Listen für den Mut der von ihr ausgewählten Frauen, denn Mutlosigkeit war der Anlass, warum sie sich in das Leben von Forschungsreisenden und Künstlerinnen vertiefte. Sie erscheinen ihr wie Schutzheilige, die ihr den Weg weisen: eine unsichtbare Leibgarde historischer Frauen.
Das Leben der aussergewöhnlichen Frauen inspiriert Kankimäki zu Fragen über ihr eigenes Leben. Was bedeutet ihr Schreiben? Wie können Zufälle zu neuen Erkenntnissen führen? Wie wandelt sich Identität? Warum ist das Tun leichter als das Planen? Wie heilend kann Harmonie wirken? Und ganz banal und doch lebensnotwendig: was tun, wenn es keine Toiletten gibt?
Als sie den Sommer wieder im Haus ihrer Eltern verbringt, entdeckt sie in einem Bildband die Schottin Isabella Bird, der vom Arzt 1872 das Reisen empfohlen wurde. Die Österreicherin Ida Pfeiffer machte sich in den 1840er Jahren zur Erdumrundung auf.  Die Britin Mary Kingsley (1862-1900) «empfahl allen, die je nach Westafrika reisen wollten, die fröhlichste und heiterste Einstellung einzunehmen, was immer ihnen auch begegnen möge, denn ihrer Erfahrung nach war das die einzige Methode, die im Hinterkopf lauernde Angst im Zaun zu halten.»
Köstlich sind die Briefe, die Kankimäki ihren Nachtfrauen schreibt und keck die Ratschläge, die sie aus deren Leben herausliest:
«Schiebe die Schuld nicht auf deine Kindheit oder auf deine Mutter! Mach dich auf den Weg!
Wenn du eine Leidenschaft hast, dann studiere sie: Eine förmliche Ausbildung ist nicht nötig.
Sei verflixt resolut!»
Im dritten Teil des umfangreichen Buchs erkundet die Autorin die Leben italienischer Malerinnen der Renaissance – ein mühseliges Unterfangen.  Während Künstler leicht zu finden sind, muss Kankimäki mit kleinsten Hinweisen sich auf die Suche nach Sofonisba Anguissola, Lavinia Fontana, Artemisia Genitleschi begeben.
Das Buch hat eine ansteckende Fröhlichkeit und animiert weiter nach Vorbildern zu suchen.

Mia Kankimäki: Frauen, an die ich nachts denke – Auf den Spuren meiner Heldinnen, aus dem Finnischen von Stefan Moster, btb Penguin Random House München 2022, 553 Seiten

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