Sterben im Sommer

«Wenn uns diese Geschichte auswählt, wenn sie uns findet und zu Protagonisten macht, sind wir unvorbereitet, wissen nichts und können auf nichts zurückgreifen. Es zählt nicht, wenn andere das vor uns erlebt haben und wir daran teilhatten. Es zählt, dass wir es erleben. Nur wir erleben es so, nur wir erleben es auf unsere Art.»

Wir alle, jede, jeder von uns erlebt Tod. Den Tod von Angehörigen, von FreundInnen, nahestehenden Menschen. Immer anders. Immer mehr oder minder eingreifend und ergreifend. Zsuzsa Bánk schildert ihr Erleben beim Tod ihres Vaters. Und ich nehme Anteil. Erinnere den Tod meines Vaters, das Sterben meiner Mutter, den Tod eines Bruders, andere Tode nahestehender Menschen. Bánks frisches, kundiges Schreiben ordnet den Tod, macht das Geschehen bewusst. Ihre Sprache führt sie und somit mich als Lesende ins Fühlen, ins Spüren, ins Wahrnehmen. Ein Jahr des Trauerns erleben wir in Vor- und Rückblenden mit. Bánk schwelgt nicht in Erinnerungen, sie gibt diesen durch ihre Worte Platz und Raum, als ob sie eine Ordnung schüfe und dem Tod durch ihre Wortwahl die ihm zustehende Kraft gibt. «Ich fing an, es hinzunehmen. Viel Arbeit steckte darin, viel Hingabe.»
Vor meinen inneren Augen entfaltet sich ein Lebensjahr gefüllt mit der Gegenwart des Todes, der Trauer, der Hoffnung. Bánks Sprache ermöglicht Freiheit im mitfühlen, ihre Worte klären und lösen. Sie erden, indem sie im Fragen und Schweben bleiben. Auch wenn jegliche Zeit auf Erden durch den Tod begrenzt wird, so bleiben Erinnerungen lebendig.

Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer, Fischer Verlag Frankfurt/Main, 2020, 237 Seiten