Eine Bürste

Was bitte?
Eine Kleiderbürste suche ich.
Vielleicht im ersten Stock bei Haushaltswaren.
Eine Bürste? Kleiderbürste?
Fragen Sie meine Kollegin.
Une brosse? Pour?
Ah, im 2. Stock bei Nähwaren.
Kleiderbürste? Was ist das? Wofür nutzt man dies?

Schauen Sie, was wir alles haben: diesen Kamm mit Metallzähnchen, der entfernt alle Knöllchen; gegen Pilling haben wir noch einen Kamm ganz aus Plastik und hier die Fuselbürste, haben Sie so etwas gemeint? Gern gekauft werden die Papierkleberollen, die nehmen gleich alles auf, da entfällt zudem das Reinigen, was bei den Kämmen notwendig wäre.

Eine Kleiderbürste gibt es nicht, im nächsten Geschäft suche ich in verschiedenen Stockwerken, bei unterschiedlichen Abteilungen – vergebens. Im übernächsten  Kaufhaus werde ich ins Souterrain geschickt in die Handwerksabteilung…
Nach dem fünften Kaufhausbesuch stehe ich draussen in der Sonne. Im gleissenden tiefstehenden Frühjahrslicht paradieren die Kleiderbürsten meiner Mutter, meiner Tanten vor meinem inneren Auge auf:
Stand eine Beerdigung an wurde der schwarze Wollmantel aus der hintersten Ecke des Kleiderschranks hervor geholt, nach draussen gebracht und mit kräftigen Strichen dem Fadenverlauf des schweren Stoffs entlang ausgebürstet: energisch glitt die Hand meiner Mutter über den Mantelrücken mit der tiefen Falte, die Schulterpartie wurde von eventuell noch vorhandenen Haaren oder Schuppen befreit, denn selbstverständlich war der Mantel, bevor er nach hinten in den Schrank gehängt wurde, ebenso tatkräftig geschüttelt und gebürstet worden. Die Bürste mit dem glänzendem Kirschholzgriff passte angenehm in die Hand, die dunklen direkt ins Holz eingelassenen Wildschweinborsten glitten straff über den Stoff. Für feinere Materialien nahm meine Mutter die Bürste mit dem Silbergriff, die mit weicheren Haaren in unterschiedlichen Farben bestückt war. Ihre Kostüme strich sie damit aus, ihren zartbraunen Hut für den Besuch der Sonntagsmesse; auch der blaue Matrosenmantel, den ich zum Kindergottesdienst trug, wurde damit ausgebürstet. Die Aussteuerstücke meiner Mama waren kostbar; das sahen die Schwestern meines Vaters, Schneiderin die eine, Modistin die andere, mit einem Blick und waren’s zufrieden.
Die beiden Tanten hatten natürlich noch bessere Bürsten, die sie mir stolz zeigten, wenn ich sie besuchte. Im Winter durfte ich meinen Schottenkarorock einmal mit den Wildschweinborsten bürsten, einmal mit den Dachshaaren, damit ich den Unterschied lernte. Meine Schwester, deren Patin die eine Tante war, erbte die edlen Bürsten und vererbte sie wiederum einer ihrer Töchter, die als Gewandmeisterin in der Oper mit etlichen Bürstenexemplaren für Profis hantiert.
Ich würde jetzt gern die Zeit gegen den Strich bürsten. Mein roter Wollmantel bräuchte eine Behandlung mit dem Strich.. Er ist vorn gespickt mit weissen Knöllchen. Die stammen vom puscheligen Winteroverall meines Patenkinds, das ich in der Babytrage öfters zum Spazieren umschnalle.