Anchor link to top of page

Immergrün

, ,

Stöbern in Buchhandlungen fördert immer etwas zutage. Neulich fiel mir ein blaugrünes Cover mit der Rückenansicht einer Frau ins Auge, auch der Titel «Immergrün» lockte. So schlug ich das Buch auf und begann zu lesen…wurde in Bann gezogen und ging mit dem Buch zur Kasse.
In diesem Buch geht es um Vergangenheit und Zukunft, das Pendeln zwischen Judentum und Christentum. Heimat ging verloren, Heimat wurde gefunden, Leben und Tod sind stets präsent.
Die Ich-Erzählerin will ihre Ahninnen besser verstehen, erzählt vom Sterben ihrer Mutter: «Als ich nach einigen Minuten wieder an ihr Bett trat, schimmerte ihr Gesicht noch in einem blassen Rosa, auch wenn es ein jenseitiges Grau eingefroren hatte. Sie schien zufrieden, oder irrte ich mich?»
Der Tod der Mutter scheint die lange Reise des Emigrierens zu beenden. «Der Klang meiner Muttersprache war verhallt».

Ruth Olshan erzählt von den Legenden, die in ihrer Familie zirkulierten: Talent und Liebe zur Musik, jüdische und christliche Festtage wurden begangen, Depressionen bekämpft, Sprachen erlernt, gesprochen, geradebrecht. «Die Tiefe der Seele kann nicht ausgemessen werden» Doch über die Musik wird die Seele fassbar, ein Lied vom kleinen Schiffchen, das aufs Meer hinaus muss, wird zum Immergrün in der Familienchronik. Es hält das ganze Puzzle der Familienbande zwischen dem Baltikum, Israel und Deutschland zusammen. Gott ist wichtig, der alte jüdische wird ergänzt mit dem katholischen Glauben als Schutzhülle.
In Litauen war die Mutter aufgewachsen, wurde bekannt, berühmt als Sängerin. Dann ging sie mit ihrem Mann nach Israel, berührte auch dort die Menschen mit ihrer Stimme. Immer dabei das Lied vom kleinen Schiffchen. Das dortige Klima behagte allerdings nicht, weder das meteorologische noch das soziale.
So wurde Berlin angesteuert. Dort «servierten Tantenvarianten Kuchenkreationen» in beeindruckenden Formen, Farben und Geschmäckern. Das Kind ist beeindruckt.
Olshan erzählt die Geschichte ihrer Familie in Rückblicken, verschränkt die Erinnerungen mit ihrer Reise nach Litauen, um die Asche ihrer Mutter und die ihrer Grossmutter im Familiengrab beizusetzen. Beide waren am selben Tag gestorben, das führte an den Grenzübergängen zu Verwirrungen.
Olshan schildert ihre Autofahrt mit den beiden Urnen im Kofferraum als ob wir mit im Auto sässen, wir erleben sie als Fahrerin und überlassen uns ihren Gefühlen und Gedanken, erleben gleichzeitig die Aussen- und die Innenwelt.

Was bleibt, ist das/der Kuddelmuddel des Lebens, nicht nur dieses Lebens, sondern das, was wohl alle Menschen kennen: Vielfalt und Verwirrung – schön und bisweilen verschreckend. Solange wir leben, bleiben wir dran und drin. Stellen uns Herausforderungen und schwimmen mit den Wellen des grossen Lebensstroms. Werden durch Bücher versöhnt, die uns zeigen, wie andere mit ihrem Puzzle umgehen und wie ein Immergrün Grünkraft schenkt.

Ruth Olshan: Immergrün, Roman, Pfaueninsel Bastei Lübbe Verlag, Köln 2026, 252 Seiten