Mutterschaft

Mutterschaft und Menstruationszyklus, I-Ging und Befindlichkeit, Individuum und Gesellschaft, Single und Paar, Mutter und Tochter – zwischen all diesen Seinszuständen mäandert die kanadische Autorin Sheila Heti in ihrem jüngsten Buch. Zwischen ihrem 30. und 40.Lebensjahr beschäftigte sie sich reflektierend mit der Möglichkeit Mutter zu werden. In Kapiteln, die sie nach den Phasen des Menstruationszyklus benennt, betrachtet sie das Leben, das sie gerade mit ihrem Freund führt.
Drei Münzen wirft sie, befragt das I-Ging über den nächsten Schritt. Heti streift die Geschichte ihrer vor dem Holocaust in Ungarn geflüchteten jüdischen Mutter und deren Mutter, will ergründen, was diese Genealogie mit ihren Entscheidungen zu tun haben könnte. Ihre Gefühle bearbeitet sie gedanklich, ihre Gedanken befühlt sie. Was will sie, ohne der Gesellschaft zu genügen? Was kann frau unabhängig von der Gesellschaft wollen? Hat frau einen freien Willen unabhängig von der Gesellschaft?
Dicht webt Heti den Teppich dieses existentiellen Themas nicht nur der Frauen; noch braucht es zwei Personen neues Leben in die Welt zu setzen.
Man erfährt nicht konkret wie Heti sich entscheidet, erahnt allerdings ihren Weg. Ihr gelingt das Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Möglichkeiten, die so oder so das Leben verändern, in aller Vehemenz zu beschreiben – genauso wie im Laufe des Menstruationszyklus Launen in alle Richtungen mäandern. «Woher soll ich wissen, ob mit meinem Leben wirklich etwas nicht stimmt, wenn den halben Monat alles auf Rosen gebettet ist und den andern halben auf Dornen? Welcher Sicht kann ich trauen? Ist überhaupt eine davon wahr?»
Als sie das Buch vollendet, schickt sie die Seiten ihrer Mutter, diese schreibt ihr: «Jetzt wirst du bald vierzig, und ihr (der Grossmutter) Tod ist auch ungefähr vierzig Jahre her. Du hast sie nie kennengelernt, aber jetzt schenkst du ihr ewiges Leben.»
Geistige Kreativität entspricht körperlicher Fruchtbarkeit und es ist gut so.

Sheila Heti: Mutterschaft, aus dem Englischen von Thomas Überhoff, Rowohlt Hamburg 2020, 316 Seiten