Vom Aufstehen

Eine Freundin schenkte mir ein Buch, 3 fach wohl verpackt: hübsch anzuschauendes Geschenkpapier mit grossen in verschiedenen Farben und Formen auf weiss platzierten Tupfen, dämmende Hülle, Tüte – vielleicht damit ich es ja nicht vor meinem Geburtstag auspacke, wie sie mir lächelnd nahelegte. Nun, der Geburtstag ist Ende des Monats, jetzt habe ich Zeit und Lust zu lesen, nehme das beigelegte Gedicht von Hilde Domin mit der Rose als Stütze.

Und so lese ich drauf los: Vom Aufstehen schreibt Helga Schubert, ein Leben in Geschichten. Diese ziehen mich in Bann. Auch wenn die Autorin um einige Jahre älter ist als ich, im Gegensatz zu mir in der DDR aufwuchs, so ist doch vieles vertraut, rührt an die eigene Vergangenheit. Die knappe, kurze, lakonische Sprache wurzelt in tiefen Emotionen und Erfahrungen, zeigt Liebe zum Leben. Vielleicht bewirkt diese Verdichtung, dass so vieles mitschwingen kann.

Im Altweibersommer enthüllt sich Schubert einer ihrer Gründe fürs Schreiben: die Arbeit draussen ist getan, jetzt kann sie sich zurückziehen, den «Versuchungen der Welt» widerstehen und darauf vertrauen, dass «sich etwas Wichtiges zu einer Geschichte verdichtet».

«Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu» (S. 128) Schreiben und sich damit herauswagen ist ein Geschenk, gibt Hoffnung, lässt erkennen, macht verständlich. «Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen».

Ja, so ist es, wie gern hätten wir Eindeutigkeiten, doch sind die selten zu haben und welchen Preis tragen sie?

Helga Schubert zeigt einen Teil ihrer inneren, unveräusserlichen Schätze, gesammelt in einem langen Leben (Jahrgang 1940).  «Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werde, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Dieses Ankommen, zurück kehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben; gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.

Mit der letzten Geschichte «Vom Aufstehen», die dem Buch den Titel lieh, gewann Helga Schubert im vergangenen Jahr den Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt.

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten, dtv München 9. Auflage 2021, 221 Seiten