working class

Die Pandemie fördert zutage, was nottut. Sie zeigt auf, wo etwas aus dem Gleichgewicht geriet. Sie legt den Finger auf Wunden. Die Autorin Julia Friedrichs schrieb vor und während der Pandemie eine Bestandsaufnahme über die Lage der Menschen, die tatsächlich systemrelevant sind. Würden diese ihren Job sein lassen, bräche das System zusammen. Und doch werden sie nicht so bezahlt, dass sie davon leben können.
Sie spricht mit einem früheren Karstadt Verkäufer, einem Putzmann in der Berliner U-Bahn, einer freiberuflichen Musiklehrerin, einem gemobbten IT-Spezialisten, einem Kneipenwirt. Sie trifft diese Menschen immer wieder im Lauf eines Jahres und vergleicht mit früher. Sie interviewt Soziologen, Wirtschaftsforschende, zitiert Statistiken und Prognosen. Sie mailt den Unternehmen, den Verwaltungen – bisweilen ohne Antworten zu erhalten. Sie geht in Rathäuser, befragt Parteispitzen und zeichnet mit all diesen Informationen eine lebendige Skizze unserer Gesellschaft. Ihr Scheinwerfer lenkt die Aufmerksamkeit zu den Menschen, die im englischen Sprachgebrauch stolz working class/Arbeiterklasse genannt werden. Hierzulande werden sie eher verschämt als kleine Leute bezeichnet. Die Studie beleuchtet Missstände, benennt Mängel. ÖkonomInnen hatten ihr gesagt, in den 1980er, 1990er Jahren habe es einen Bruch gegeben. Ab da sei die Kluft zwischen Finanz- und Realwirtschaft immer grösser geworden. Ab da wäre es der working class nicht mehr möglich gewesen, dass die Kinder es einmal besser haben werden als die Eltern.
Die Gespräche und Interviews rütteln auf und so schliesst das Buch mit Ideen für eine Gesellschaft, die Teilhabe ermöglicht. Eine Gesellschaft, die das Attribut sozial verdient.  Jetzt wäre die Zeit da für eine Steuerreform, die weniger die Arbeit, sondern mehr das Kapital besteuert; für eine Erneuerung des Bildungssystems, das gleichwertige Chancen bietet. Eine gerechte Welt ist denkbar und machbar. Der Staat sollte klug und umsichtig entsprechende Prioritäten setzen und dem ausbeuterischen Kapitalismus Grenzen setzen.

Julia Friedrichs: Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können, Berlin/Piper Verlag, Berlin/München 2021